Henry Maitek (1922 – 2007)

Am 16. April 1945 beginnt in einem Waldstück nahe der oberfränkischen Stadt Hof das zweite Leben des Henry Maitek. Die heranrückenden Soldaten der US-Army hatten ihre Waffen schon auf den blonden jungen Mann im Waffenrock eines Wehrmachtsoffiziers angelegt. Die Jacke war jedoch nur Tarnung, darunter trug der jüdische Gefangene die gestreifte Häftlingskleidung eines Insassen des KZ Buchenwald, aus dem er geflohen war. Viereinhalb Jahre Lagerhaft, die ihn auch nach Auschwitz gebracht hatten, lagen hinter Henry Maitek, der diesen Moment als eine Art zweite Geburt betrachtete.

In einem Krankenhaus der Army wurde sein Gesundheitszustand wiederhergestellt. Dann bildete ihn der US Special Service als Fotografen aus. Maitek zog mit den amerikanischen Truppen durch Europa und fotografierte für die Soldatenzeitung Stars and Stripes. In Hof heiratete er Ruth Fischler, die er während seiner Zeit im Lager Groß-Rosen kennengelernt hatte. Das Paar versuchte im neu gegründeten Staat Israel Fuß zu fassen, wurde dann jedoch Ende der fünfziger Jahre in Köln ansässig. Maitek fotografierte für Illustrierte und erhielt mehrfach Auslandsaufträge von Kölns Kulturdezernenten Kurt Hackenberg.

1967 trat Tochter Shoshana einen Studienaufenthalt bei einer Gastfamilie in den USA an. Maitek setzte die Trennung von seiner Tochter zu, und es stellte sich die Frage, ob die Familie noch einmal eine Heimat in den USA würde finden können, denn im jüdischen Freundeskreis hatten sich etliche Familien nach dem Ende des Krieges in den USA eine neue Existenz aufgebaut. Zudem stand Maitek in Kontakt mit der 3M-Factory-Mining Company, für die er ein neues Farbfilm-Material testete.

Im Frühjahr 1967 traf Henry Maitek dann nach einer klassischen Atlantiküberquerung mit dem Schiff im Hafen von New York ein. In den folgenden Wochen reiste er über Michigan und den Mittleren Westen nach Chicago und Montreal zur Expo 67, um dann schließlich in New York wieder das Schiff nach Europa zu besteigen.

Mit der Kamera in der Hand spürt Maitek der Freiheit seines geretteten Lebens nach. Glaubt man seinen Worten, so fiel alle Erinnerung an die Vergangenheit im Moment des Fotografierens von ihm ab und es leitete ihn nur noch das Interesse für die Menschen, denen er gerade begegnete. Dankbarkeit empfand er gegenüber der Nation, die für die Freiheit Europas in den Krieg gezogen war, eine Tatsache, die ihn aber nicht blind für die sozialen und ethnischen Spannungen in den USA machte.

Maitek besaß einen besonderen Blick für die Menschen, denen er begegnete. So zeigen seine Fotografien Kinder, Frauen und Männer in alltäglichen Szenen, auf der Straße beim Baseball oder in Geschäften, eingefangen im Gespräch, in Momenten der Nachdenklichkeit, der Konzentration, der Erschöpfung, Freude oder Verwunderung.
Maitek fing die kulturelle, religiöse, soziale und gesellschaftliche Vielfalt der Metropole New York City ein und zeichnete mit seinen Fotos das Porträt einer Stadt insbesondere durch ihre Bewohner.

Auf wundersame Weise stellt sich das Konvolut dieser Amerika-Reise heute als eine Art Panorama der zeitgenössischen Fotografen-Szene der USA dar. Maitek arbeitete im Stil eines

Street Photographers und zeigt uns neben den Passanten New Yorks das ländliche Amerika der Tankstellen und Einkaufscenter, der Neonlichter, Billboards und Diners. Die Überschneidungen mit Werkgruppen von William Eggleston, Lee Friedlander, Joel Meyerowitz oder William Christenberry versetzt heutige Betrachter in Erstaunen. Keinen dieser Fotografen hat Maitek gekannt, zumal sich diese Szene erst in den folgenden Jahren mit den von John Szarkowski kuratierten Ausstellungen im Museum of Modern Art zu konstituieren begann.

Als Fremder begegnet er der amerikanischen Alltagswelt, nimmt die emblematischen Farben Rot und Blau der Pop-Art innerhalb eines urbanen Lebens wahr, das noch vom Ambiente der späten fünfziger Jahre geprägt ist. Sein tiefes Interesse gehört jedoch den Menschen, die er aus einem gewissen Abstand heraus betrachtet, um sie „ganz zu erfassen“, wie er sagte, und ihre Erscheinung auf sich wirken zu lassen. Respekt wird zum eigentlichen Sujet dieses Werks, denn Fotografie ist für Henry Maitek eine Form der angewandten Ethik.

Geboren wurde Henry Maitek 1922 im oberschlesischen Königshütte, 2007 starb er in Köln. Nach der Jahrtausendwende erwarb die Stadt Köln über mehrere Jahre hinweg den kompletten Nachlass des Fotografen. Deshalb kam es einer Tragödie gleich, als das Historische Archiv der Stadt 2009 einstürzte und das Werk von Henry Maitek ausgelöscht schien. Bis heute konnte nur ein Teil des Nachlasses gefunden werden. Im letzten Jahr jedoch tauchte ein gut erhaltenes Konvolut mit Fotografien der Amerikareise auf, zu dem auch niemals zuvor gezeigte Arbeiten gehörten. Aus dieser Entdeckung speist sich ein Teil der Ausstellung America ’67, die vom 14. September bis zum 29. Oktober 2017 in der Michael Horbach Stiftung in Köln zu sehen ist.

Thomas Linden