Pete Marifoglou (1954)

In Supermärkten und Museen fühlte sich Pete Marifoglou als Jugendlicher besonders wohl. Dort konnte er seinen Fantasien ungestört nachgehen. Mit zehn Jahren begann er zu fotografieren, schon damals verspürte er den dringlichen Wunsch, sich mit Hilfe der Bilder der Welt zu versichern, in der er lebte. Wenige Monate nach seiner Geburt 1954 in Thessaloniki kam er mit seinen griechischen Eltern nach New York, wo Marifoglou in Lower Manhattan aufwuchs. Schon als Kind faszinierte ihn die Fotografie. Mit 13 Jahren besuchte er die Art & Design Highschool und wechselte 1970 zum Studium auf die School of Visual Arts. Bereits 1967 knüpfte er den Kontakt zu Andy Warhols Factory.

Warhol brauchte Geld für sein Studio und ließ Amateure und junge Schauspieler gegen ein Honorar in Porno-Produktionen mitwirken, die er dann lukrativ vertrieb. Marifoglou arbeitete als Set-Fotograf in der Factory. Er fotografiert allerdings auch in den Drehpausen und dieses Material blieb in seinem Privatbesitz. Es dokumentiert eine melancholische Tristesse, die in den barocken Factory-Pornos nicht vorkommt.

Fotografien boten Marifoglou die Möglichkeit, Emotionen im Bild festzuhalten. „Jedes Bild ist eine Geschichte“, sagt der Amerikaner, ein Credo, dem er selbst in jenen informellen Arbeiten folgt, die sich der urbanen Architektur New Yorks mit ihren Brücken, Bahnhöfen, Lagerhallen oder den verfallenden Vergnügungstempeln Coney Islands widmen.

Seine Streifzüge durch die Stadtlandschaft New York Citys führten Pete Marifoglou in jene Ghettos, in die der Arm des Gesetzes nicht mehr reicht. „Dort, wo ohne Grund getötet wird, einfach aus Spaß“, wie sich der Amerikaner erinnert. Rechtsfreie Räume, in denen die Leichen der Opfer gleichgültig zurückgelassen werden. Marifoglou hat sie fotografiert, den Mann, der wegen seines Hutes getötet wurde, die Frau, an deren Leiche sich jemand verging. Orte des Todes, an denen kein Polizist auftauchte, „weil niemand ihn ruft“, erklärt Marifoglou. In ihrem Zynismus übersteigen diese Tableaus noch die Tatort-Aufnahmen eines Weegee.

1979 verließ Pete Marifoglou die USA in Richtung Europa. Heute lebt er in Düsseldorf, wo er zwei Söhne aufzog und mit der Produktionsfirma L.E.R.M. Fernsehfilme produzierte. Zweimal gewann das Unternehmen den Grimme-Preis. Mit seinen fotografischen Arbeiten ist Pete Marifoglou unter anderen in den Sammlungen des Chicago Art Institut, der Bibliotheque Nationale Paris, dem Musée de‘Art et d’Art Contemporaire in Nizza oder dem Reiss-Engelhorn Museum in Mannheim vertreten. In der Michael Horbach Stiftung sind Arbeiten der späten sechziger Jahre zu sehen, darunter zahlreiche Fotografien aus der Factory.

Thomas Linden